Donnerstag, 27. Februar 2014 | By: maran79

Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung - Valentina D´Urbano






La Fortezza, das Leben in diesem Viertel formt dich wie Wachs. Entweder gehst du gestärkt daraus hervor, oder du gehst unter.
Die junge Bea und ihr Freund Alfredo wachsen in La Fortezza auf. Obwohl ihrer beider Leben von Armut gekennzeichnet ist, so verlaufen ihre Lebenswege vollkommen anders. Bea besitzt eine liebevolle Familie, während Alfredo tagtäglich von seinem alkoholabhängigen Vater verprügelt wird. Dennoch verbindet diese beiden Kinder eine Freundschaft, die über jede Prüfungen hinauswächst, die ihnen das Leben in diesem harten Viertel abverlangt.






Das Cover an sich verrät einiges über den Inhalt der Geschichte. Es ist düster, wirkt verregnet und ist noch dazu in Schwarzweiß gehalten. Das schwarze Kleid und die barfüßigen Beine interpretierte ich als Zeichen der Armut und der Trauer, noch dazu der verlorene Gesichtsausdruck der Frau. Alles wirkt passend für diese Geschichte. Dennoch muss ich sagen, auch wenn mir das Cover gut gefällt, geködert hat mich der Titel des Buches. Er ist unüblich lang und ein richtiger Eyecatcher.



Die Charaktere, die die Autorin erschaffen hat, sind unbeschreiblich gut gelungen. Jedes Wort wirkt real, jede Tat glaubhaft, die Beziehung untereinander entsprechen den Umständen. Selten gingen mir Protagonisten so stark unter die Haut wie in diesem Buch.

Beatrice, auch Bea genannt, ist der Hauptcharakter des Buches. Geformt von dem harten Leben in diesem Viertel, ist sie ebenfalls hart geworden. Sie ist egoistisch, gibt nichts leichtfertig her und besitzt dennoch eine Stärke, die sie denjenigen zuteil kommen lässt, die sie liebt. Ich empfand sie als große Stütze Alfredos, aber in vielen Situationen auch als jemanden, der viel mehr fordert, als er gibt.

Alfredo ist der mittelälteste Sohn des Säufers, der im Wohnblock über Beas Familie wohnt. Als er mit sieben Jahren fast von seinem Vater totgeprügelt wurde, nimmt Beas Mutter sich seiner an. Alfredo wird zum Teil ihrer Familie, er schläft manchmal nächtelang mit Bea und ihrem kleinen Bruder Franceso in einem Bett. Diese Nähe schweißt sie zusammen, durch Liebe, aber auch durch Zorn. Alfredo empfand ich in der Geschichte als den schwächeren Part. Während Bea diejenige ist, die hasst, ist er jemand, der liebt. Noch nicht einmal als er in der Lage ist sich zu wehren, tut er seinem grausamen Vater etwas an.
Die Situation der beiden wird immer verworrener je älter sie werden und die Beziehung sich zwischen ihnen verändert. Aber während Bea den Prüfungen des Lebens standhält, droht Alfredo unter ihnen zu zerbrechen.





Wow! Das Viertel, in dem die Geschichte spielt, ist mit solch einer brutalen Klarheit gekennzeichnet, dass man es förmlich vor Augen hat. Für Menschen, die ein solches Leben nicht kennen, mag es wie eine ausgedachte Geschichte erscheinen und doch verspürt man ein sachtes Ziehen in der Magengegend, eine stumme Mahnung, dass solche Viertel nicht der Phantasie angehören. Denn das Leben schreibt Geschichte!




Ich hatte die Geschichte binnen zweier Tage durch, hätte ich nicht ein Kleinkind zuhause, ich hätte das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Zu Beginn war ich skeptisch. Die Inhaltsangabe verrät einiges, der Leser weiß also sofort, dass es für Alfredo und Bea nicht gut ausgehen wird, denn das Buch nimmt seinen Anfang mit Alfredos Beerdigung. Natürlich fragte ich mich da, ob die Geschichte mich dennoch fesseln konnte. Und ja, das ist diesem Buch durchaus gelungen. Ich war so gefangen  in der Welt von Bea, in ihrer Erinnerung über ihre Kindheit mit Alfredo, dass ich die meiste Zeit vergass, was am Ende geschehen würde.
Ich würde gerne den Begriff bittersüß verwenden um die Beziehung der Beiden zu beschreiben, tatsache jedoch ist, dass kaum etwas in La Fortezza süß ist. Die Autorin verwendet eine Art dies zu umschreiben, ich kenne den genauen Wortlaut nicht mehr, aber aus meiner Erinnerung heraus, klingt es ist in etwa so:
"Die Menschen in La Fortezza werden schnell erwachsen, bekommen schnell Kinder, denen sie das gleiche hoffnungslose Leben hinterlassen und sie sterben schnell."
Wenn man bisher keine Ahnung von diesem Leben hatte, so ist man dadurch schlauer. Man bekommt Einsicht in dem Wirken der Kinder. Die Treffen an bestimmten Orten des Viertels, die ungewollte Schwangerschaft, die von einer Engelsmacherin beendet wird. Das Kiffen in den Hinterhöfen und noch Schlimmeres. Menschen, die verhaftet werden, oder Menschen, die unter diesem Leben zerbrechen.
Nicht selten fand ich mich mit einem dicken Kloss in der Kehle wieder oder spürte Tränen, die mir in die Augen drangen. Ich litt mit den beiden förmlich mit, wissend, wie schnell man auf das Ende zuraste. Und wissend, was das für eine Ende sein würde.
Irgendwie hoffte man doch, man hoffte man hätte mehr Zeit. Man hoffte, alles würde sich zum Guten ändern, nicht was den Tod betrifft. Alfredo stirbt, das ist gewiss, aber an der Art, wie das Buch zu ende geht.



Ich muss sagen, zu diesem Buch habe ich so gut wie keine Kritik. Vielleicht lediglich eine kleine Anmerkung. Die ganze Zeit über erwartete ich, dass zwischen den beiden mal etwas passieren würde. Sie lieben sich, sie sind eifersüchtig und man merkt als Leser, dass sie nicht ohneeinander können. Allerdings wurde in dem ganzen Buch nicht ein einziges Mal geschrieben, dass sie miteinander schliefen. Bei einem Drama erwarte ich nicht unbedingt ellenlange Sexszenen, aber wenn man am Ende erfährt, dass es dennoch Liebesszenen gegeben haben musste, dann hätte ich mir als Leser gewünscht, etwas davon zu erfahren. Sogar wenn es nur eine winzig kleine Umschreibung gewesen wäre. Dies am Ende wie aus heiterem Himmel zu erfahren, hat mir nicht so ganz gefallen.





"Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung" ist Drama pur. Dem Leser sollte klar sein, dass er sich auf eine Geschichte einlässt, die tief unter die Haut geht. Tränen und eine enge Kehle gehören zu diesem Buch mit dazu und dennoch bleibt man am Ende staunend zurück, denn trotz der großen Traurigkeit kann man nicht anders, als zu erkennen, wie ergreifend diese Geschichte geschrieben worden ist.
Aus diesem Grund verdient dieses Buch mit gutem Recht einen Platz in der



Und bekommt, wie nicht anders zu erwarten 5/5





mit einem



Zuguterletzt möchte ich mich ganz herzlich beim dtv-Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars bedanken.



2 Kommentare:

livi*liest hat gesagt…

Wow, der Titel klingt ja wirklich total interessant genauso wie der Klappentext. Das Buch ist nach deiner schönen Rezension gleich auf meine Wunschliste gewandert. Außerdem noch Herzlichen Glückwunsch zu deinen ersten Rezensionsexemplaren :)

Ich habe deinen Blog übrigens gerade erst entdeckt und er gefällt mir wirklich gut. Da kann ich ja gar nicht anders, als Leserin zu werden. Vielleicht hast du ja Lust auch mal bei mir vorbeizuschauen, ich würde mich freuen :)

Liebe Grüße,
Livi ♥
liviliest.blogspot.de

maran79 hat gesagt…

Hallo Livi, danke dir für deinen Besuch auf meinem Blog. Und ja, das Buch ist wirklich bemerkenswert. Es lohnt sich auf alle Fälle.
Ich schau auch gern bei anderen Blogs vorbei. Einige Bücher auf meiner Wunschliste habe ich auf diesem Weg entdeckt =). lg Maran

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